Der 2. Gilgater Ketzerprozeß



5. Aros 224

Beginn

Prozeßteilnehmer:

  • Arimaijana
  • Dayala Vanalyjda Ajieridas Akkrijiar
  • Noldanion Bergial
  • Akilon Beth-Ulam
  • Ona Benavana
  • Dayja
  • Dharwen
  • Wak Kump Onok
  • Neo Sirolli

Im Inneren des Arivara-Tempels wurden Holzbänke in mehreren Reihen aufgestellt. Hier finden die Besucher Platz, die dem Schauspiel beiwohnen wollen. Die harten Bänke sind zwar keineswegs bequem, aber ihr denkt euch, Sitzen ist immer noch besser als Stehen!

Auf erhöhten (und gepolsterten) Sitzen im hinteren Teil der Halle gibt es mehrere Priestersitze. Auf einem von ihnen sitzt Arimaijana Jholandra Tramijiala Ajeridas Akkrijiar. Die Hohepriesterin trägt ein ärmelloses, hochgeschlossenes weißes Kleid, das mit einem prächtigen Diadem über der Brust geschmückt wird. Ihr rechter Arm ist mit einem Verband umwickelt.

Davor liegt eine Strohmatte. Zu dieser Matte wird Dayala Vanalyjda Ajieridas Akkrijiar geführt. Ein Tempeldiener des Endrakha-Tempels bedeutet ihr, sich darauf zu setzen.

Cyreiya steht unweit von dieser Gruppe scheinbar lässig an eine Säule gelehnt, doch ihren scharfen Augen und Ohren entgeht kaum etwas von dem, was im Saal vorgeht.

Ona Benavana tritt an Arimaijana heran. Noch außer Atem sagt sie: "Sichara -gewährt mir Verzeihug für die Störung, die ich Euch jetzt sicher bereite ... mein Anliegen ist folgendes: Dayala und ich haben die Anklage erörtert, und sie hat mich gebeten, für sie zu sprechen, sofern sie das Wort nicht ergreifen will. Darum bitte ich um Erlaubnis, bei ihr sitzen und ihre Verteidigerin sein zu dürfen."

Arimaijana blickt Dayala fragend an und fragt: „Möchtest du das?“

Dayja erreicht das Arivaraheiligtum. Sie betritt gerade den Tempel, als Ona die Verteidigung von Dayala beantragt...

Ona sieht die große Chirá-Freundin im Eingang, winkt ihr hinter dem Rücken der Hoheprieserin zu und deutet auf die freien Plätze neben Dayala auf der Anklagebank.

Als Dayja die junge Frau erblickt, nickt sie ihr zu und gesellt sich neben sie. Aufmunternd lächelt sie Dayala an, die vorgeht um sich auf die ihr zugewiesene Matte zu setzen.

Ona und Dayja stehen leise flüsternd neben dem Sitz der Hohepriesterin. Die gespannte Aufmerksamkeit aller ist auf die meditierende Dayala gerichtet, die auf die Frage der Hohepriesterin noch nicht reagiert hat.

Boulder betritt den Tempel und wird dabei von zwei großen Sragons begleitet. Die Sragons haben eine Kiste dabei. Er sucht nach einem guten Platz möglichst weit hinten wo man aber trotzdem noch alles sehen und hören kann.

Die ihm bekqannten Gesichter grüßt er kurz und stellt sich dann sehr erwartungsvoll an seinen ausgesuchten Platz. Da er im sitzen eh nichts mehr sehen würde bei seiner kleinen Größe. Als die Verhandlung beginnt stellen die Sragons die Kiste auf den Boden und Boulder wird draufgehoben, damit er besser sehen kann.

Wak sieht neidisch auf Boluders Kiste und versucht krampfhaft, auf und ab zu springen. um das Geschehen nachvollziehen zu können...

Als Boulder den springenden Wak erkennt winkt er ihn herbei.

"Kommt Freund ich sag euch was es intressantes zu sehen gibt bevor eure Kniegelenke aufgeben. Wie war den euer letzter Flug."

"Toll, es gibt viel zu erzählen, aber vielleicht nicht hier. BEsucht mich doch heute abend!"

Der Kommandant der Wache zieht kurz die Brauen hoch, als er die Innenausstattung sieht. Nach kurzem Blick in die Runde nehmen er und seine Offiziere an der Raumseite Aufstellung.

Eine kleine Schweißperle tritt unter dem lilanen Stirnband mit dem yeditischen Symbol - dem ständigen Begleiter und scheinbaren Markenzeichen des Kommandanten - hervor um sofort mit einer schnellen Handbewegung abgewischt zu werden. Es ist wirklich wieder ein warmer Tag.

Der Angeklagten wirft er mit seinen eiskalten Augen einen Blick zu in dem kein bisschen Mitleid zu sehen ist, sondern fast schon ein Anflug von Hohn.

Mit unbewegtem Gesicht harrt er der Dinge die kommen mögen...

Ein junger Mann eilt in den Saal.

Er ist in einen dunklen langen Umhang gehüllt, auf dem Rücken ist ein leuchtendes Flammensymbol eingestickt.

Lange golden Locken fallen ihm über die Schultern, und seine flinken braunen Augen schauen sich (zur ersten Orientierung) geschwind im Saal um.

Er nickt Cyreiya zu, udn geht zu derselben. "Gegrüsst im Namen Arivaras!" spricht er zu der Endrakha-Priesterin, "Wo soll ich mich hinsetzen? Ich weiss nicht, welchen priester ihr wo haben wollt..."

Hinter ihm erblickt man eine junge Tempeldienerin, deren braune Haare fast knabenhaft kurz geschnitten sind, und die in ein weisses Gewand gekleidet, eine Feuerschale in dne Händen hält.

Dayala reagiert endlich auf die Frage der Hoheprieserin:

"Ja...ja, bitte...", antwortet Dayala gedankenverloren ohne richtig zu registrieren, dass sie angesprochen wird. Ihre großen, dunklen Augen scheinen der Hohepriesterin zwar genau ins Gesicht zu schauen, doch sie sind leer und trüb. Alles in allem wirkt die sonst schöne, große Chirá mikrig und

eingeschüchtert. Kurz blickt sie im Raum herum und lächelt gezwungen ihren Freundinnen Dayja und Ona zu. Onwohl es scheint, als wolle sie versuchen, möglichst munter zu lächeln, brigt ihr Blick doch auch Angst und den mitleiderregenden Blick eines Kindes, dass Hilfe seiner Mutter erwartet. Als ihre Augen Noldanion streifen, erfüllen sie sich wieder mit dunkler Leere und Dayala blickt

schuldbewusst zu Boden. Wer ihr jetzt in die Augen geschaut hätte, hätte statt Ehrfurcht, blanke Wut erkennen können...

"Gut", antwortet die Hohepriesterin euch ungerührt. "Ona und Dayja, ihr könnt an der Seite der Angeklagten Platz nehmen. Doch seid auf der Hut: Die Anklage wiegt schwer!"

Mit mißbilligendem Blick schaut Arimaijana an die Seitenwand, wo immer noch Unruhe herrscht: Unuims stehen auf Kisten rum, andere hüpfen auf und ab, Stadtkommandanten versuchen, Eindruck zu schinden..... Dann nickt sie einigen Arivara-Priesterinnen zu.

Links und rechts der Priestersitze befinden sich zwei Schalen, in denen eine Flamme lodert.

Nun treten sechs in rote Roben gehüllte Priesterinnen vor, vier Chira, zwei Menschenfrauen. In ihren Händen halten sie lange Stäbe, deren Zweck ihr noch nicht erkennen könnt. Die Rotgekleideten verneigen sich vor der Richterin, und eine von ihnen beginnt zu sprechen: "Bevor die Verhandlung beginnt, wollen wir ein Arivara wohlgefälliges Rauchopfer darbringen, damit sie auf diese Verhandlung blicke und Euch ein weises Urteil eingebe!"

Auf ein leichtes Nicken Arimaijanas hin begeben sie sich mit den Stäben zu den Feuerschalen und tauchen die Spitzen der Stäbe in die Schalen ein. Sofort beginnen sie zu Glimmen. Ein feiner Rauch steigt von den Stäben auf, der bereits nach kürzester Zeit die Halle mit einem für Euch etwas ungewohnten, aber nicht unangenehmen Duft erfüllt. Die sechs Priesterinnen schreiten langsam mit den glimmenden rauchentwickelnden Stäben einmal um die Richterin herum. Dann machen sie zum rückwärtigen Teil des Tempels, wo wohl das Allerheiligste liegt, eine tiefe Verneigung und rufen den Namen Arivaras an.

Noldanion verfolgt die Zeremonie aufmerksam, und man kann sehen, wie seine jungen Augen leuchten und ein sanfter ehrfürchtiger Schauer durchrieselt seinen Körper.

Er senkt das Haupt und faltet seine Hände zu einem stillen Gebet, bis die Zeremonie vorüber ist.

Ona nimmt neben der Angeklagten Platz. Sie lächelt ihr ermunternd zu. Als sie, sich orientierend, in die Runde blickt, ist ihr Lächeln jedoch verschwunden. Ihre Aufmerksamkeit gilt vor allem dem Priesterkollegium in den komfortablen Sitzen. Sie scheint das Arivara-Opfer scheint kaum zu beachten.

Als Dayja den leeren Blick ihrer Freundin Dayala wahrnimmt, beugt sie sich unauffällig vor, um leise mit Dayala und Ona sprechen zu können. Während im Hintergrund noch die Zeremonie abläuft, flüstert sie leise zu den beiden Frauen. "Dayala, seit Euch bewußt, dass ich keine Angst vor der Gefahr habe, Euch zu verteidigen. Ich bin auf Eurer Seite, da ich die gleichen Ansichten habe." Als sie die Wut und auch einen Funken Angst in den Augen der Priesterin sieht, spricht sie aus, worüber sie lange nachgedacht hat.

"Dayala. Mehdora verabscheut Waffen, das weiß ich. Wenn Ihr schuldig gesprochen werdet, habt Ihr noch eine Möglichkeit. Vielleicht nicht die Beste, aber dennoch, eine Möglichkeit. Ihr könntet in den Tempel der Mehdora fliehen. Sie müssten Euch dann theoretisch mit Waffengewalt wieder herausholen. Da dies im Tempel nicht gestattet ist, könnten wir sie auch der Ketzerei anklagen. Jedoch ist dies wirklich nur eine verzweifelte Möglichkeit." Dayja hohlt nochmal Luft, muß jedoch ihre Rede abbrechen, als das Wort an Noldanion abgegeben wird.

Dayala sieht euch wach und aufmerksam an und nickt hin und wieder. "Danke Dayja" Ihr seid mir eine gute Freundin - eine bessere könnte ich mir gar nicht wünschen!", dabei lächelt die Priesterin auch Ona an. "Eure letzte Möglichkeit wäre tatsächlich eine Gute, doch ich bin nicht gerade eine Kämpfernatur und auch keine Abenteurerin. Keine, die sich freiwllig gegen das Gesetzt stellen

würde - ja weil ich zu viel Angst davor hätte. Meine Ansichten aber vertrete ich - und besonders, wenn es so verheerende sind - bis zuletzt. Ich weiß nicht, ob ich den Mut hätte, mich im Tempel zu verschanzen, ich meine, ich wäre eine Verbrecherin - aber das scheine ich nun ohnehin zu sein...", flüstert Dayala und man merkt, wie dankbar sie trotzdem für die Idee ist. "Wisst ihr, ich habe bis jetzt nie gewusst, was wahre Freundschaft ist", erklärt sie und sieht Dayja und Ona plötzlich sehr ernst an,"aber auch nicht, was purer Hass ist. Das ist ein...ein ungewohntes Gefühl. Ich glaubte, ich könne jemanden mit bloßen Händen umbrigen..." Dayala sieht stumm zu Noldanion hinauf, der nun das Wort ergreift und ihre Augen blitzen bedrohlich. Dann sieht sie wieder zu Boden und beginnt stumm zu beten...

"Entschuldigt, Priesterin, wenn ich Euch unterbreche. Aber ich kann nicht sehen, daß Eure Ansicht eine verheerende ist. Im Gegenteil!

Es ist eine heilsame, denn sie hat diese heuchlerische Frömmigkeit abgelegt, mit der Eure Anklägerinnen und Ankläger unter dem Deckmäntelchen der Ehrerbietung den Göttern gegenüber die Macht über ihre Anhänger ausüben. Ihr übt keine Macht aus. Ihr verhelft zum Leben und zur Lebensfreude! Wie eine Mutter, die das Wohl ihrer Kinder über ihr eigenes stellt, so stellt ihr als Vertreterin und Abkömmling der Göttin Mehdora das Wohl derjenigen, für die Ihr Sorge tragt, über Euer eigenes Wohl und das Eurer Göttin - denn das ist ihr Auftrag!

Euer Tempel ist ein gastfreies Haus für jedermann! Kann das Nodanion von sich uns seinem Tempel - dieser Festung - sagen? Nein, denn er verehrt einen anderen Gott. Seine Lehre ist anders, ist dem Leben bei weitem nicht so verbunden wie die Eure - ja, tief innen verachtet seine Lehre das Leben. So kann es kommen, daß er in verblendetem Ehrgeiz und verblendeter Verteidigung der Ehre seines Gottes Euch, die Dienerin des Lebens, verklagt und sich damit gegen Eure Göttin, Mehdora wendet.

Nein, ich kann Noldanion nicht hassen, nicht einmal verachten, im Gegenteil:

Ich sorge mich um ihn! Denn in seiner Verblendung beschwört er einen Kampf der Götter herauf, und damit gefährdet er den "Neuen Kult"!

Wenn der yedeitische König aber von diesem Konflikt innerhalb des "Neuen Kultes" in Gilgat erfahren sollte, dann fürchte ich, daß er die Situation ausnutzen wird, und, wie im übrigen Yedea, den Neuen Kult beseitigen und durch die Alleinverehrung des Hostinos ersetzen wird!

Noldanion, aber auch Cyreiya und Arimajiana und die anderen des Kollegiums sind sich gar nicht bewußt, was sie da anstellen. Das besorgt mich sehr! Wir müssen ihnen klar machen, daß sie mit diesem Prozeß ein sehr gefährliches Spiel spielen! Schließlich seid Ihr in der Stadt als höchste Vertreterin der Mehdora die Trägerin ihrer Lehrautorität und Vollmacht! Das ist kein Pappenstiel.

Wir sollten darum, glaube ich, alles daransetzen, daß dieser Prozeß in einer gütlichen Einigung endet!"

Schließlich stellen sich die Arivara-Priesterinnen an den Wänden links und rechts der Halle auf.

Arimaijana Jholandra Tramijiala Ajeridas Akkrijiar, die Hohepriesterin der Endrakha, erhebt sich kurz von ihrem Sitz und sagt mit klarer Stimme: "Im Schutz der Götter kann die Verhandlung beginnen. Noldanion Bergial, ihr führt die Anklage. Bringt vor, was ihr zu sagen habt!"

Die Anklage

Die Hohepriesterin reagiert äußerst unwillig auf die verschiedenen Störungen. Als Wak von Boulder herbeigerufen wird, gibt sie einem bewaffneten Mann der Tempelwache einen Wink. Dieser baut sich mit seinem Blatakin unmittelbar vor den Unuim auf und gibt euch unmißverständlich zu verstehen, daß dies nicht der Ort ist, um Reiseerlebnisse auszutauschen.

Noldanion tritt an das Pult, in der Hand einen Papyrus.

Erst schweift ein Blick seiner flinken braunen Augen über die Versammlung, dann nickt er nur, und neben ihn tritt die junge Tempeldienerin mit einer Feuerschale in der Hand. Laut und gut verständlich verliest er: "Die Anklage Dayalas lautet auf Diffamierung Delvans und seinr Priesterschaft auf 'Pyromanen', auf Respektlosigkeit gegenüber den Feurigen und seinen Boten.

Des weiteren ist Dayala angeklagt, Menschen den Göttern als überlegen bezeichnet zu haben - und somit das Pantheon ketzerisch erniedrigt zu haben.

Beides geschah in der Öffentlichkeit des Marktplatzes - beides dürfte also ausreichend bekannt sein."

Er legt den Papyrus beiseite.

"Träger der Anklag ist der Delvankult, der ausgewählte Vertreter bin ich."

Er nickt Arimaijana als Verhandlungsführerin zu und setzt sich wieder.

Arimaijanas Schwanzspitze zuckt ungeduldig hin und her, bis sich Noldanion endlich zu seiner Rede erhebt. Dann lauscht sie interessiert deinen Ausführungen. Als du den Anklagepunkt "Diffamierung der Delvanpriesterschaft als

Pyromanen" vorbringst, grinst sie amüsiert.

Doch als du behauptest, sie habe die Götter erniedrigt, schwindet schlagartig das Lächeln aus ihrem Gesicht. Mit eiskalter Miene blickt sie zwischen Noldanion und Dayala hin und her.

Da erscheint Ona Benavana wieder im Tempeleingang. Ihr Gesicht wirkt abgehetzt und sorgenvoll. Die Tücher, in die sie gekleidet ist, sind verrutscht und wirken nicht mehr so strahlend weiß wie zu Beginn des Verfahrens. Rasch ordnet sie ihr Äußeres und schlüpft zwischen den auf den Delvanpriester konzentrierten Zuhörern hindurch. Sie nimmt auf die Matte neben Dayala Platz. Im Flüsterton läßt sie sich über den Wortlaut der Anklage informieren.

Ona muß, als sie den Anklagepunkt vernimmt, daß die Mehdorapriesterin die Delvanpriester als Pyromanen bezeichnet habe, unwillkürlich lächeln. Mit hochbezogenen Augenbrauen fragt sie:

"Bezog sich diese Äußerung auf die Leichenverbrennungspraxis der Delvanpriester?"

Danach bittet sie als Verteidigerin der Mehdorapriesterin um das Wort.

Noldanion schaut zu Arimaijana uznd macht mit Gesten und Mimik deutlich, das er erst nur die Anklage auflisten wollte und er erst die verteidigung anhören möchte, bevor er mit seinem Pladoyer fortfährt.

Anfrage der Verteidigung

Nach einer angemessenen Wartezeit glaubt Ona ein zustimmendes Nicken der Gerichtsvorsitzenden zu erkennen, und erhebt sich, nicht bevor sie noch einmal ihren Blick auf Noldanion gerichtet hat, der sie mit ermunterndernden Gesten auffordert, das Wort zu ergreifen.

Zunächst ist der jungen Frau noch eine gewisse Unsicherheit und Beklommenheit anzumerken, die jedoch im Lauf ihrer Rede einer sehr festen, entschiedenen und sehr ernsten Stimmungslage Platz machen:

"Erhabene Hohepriesterin, erlauchte Priester, werte Anwesende!

Bevor wir zu den Anschuldigungen des Anklägers Stellung nehmen, ersuchen wir das hohe Gericht, uns über die Art der Bevollmächtigung des Richterkollegiums Kenntnis zu geben.

Dies ist ja kein gewöhnlicher Prozeß. Hier sitzen Priester über eine Priesterin zu Gericht, sprechen im Namen ihrer Götter Recht über die Vertreterin einer Göttin, die nicht nur davon überzeugt ist, sondern sich von dieser sogar dazu berufen weiß, so zu sprechen, wie sie gesprochen hat - nämlich in der Vollmacht der Göttin Mehdora, der Allgebärerin!

Wir leben zwar in Yedea, doch dieses Gericht vertritt nicht die Autorität eines einzigen Gottes, wie es im Yedeismus der Fall ist (bei dem man wohl annehmen darf, daß ein höherer Würdenträger - ein Hohepriester zum Beispiel - auch über höhere göttliche Inspiration verfügt und demnach auch über höhere richterliche Vollmacht als niedrigere Würdenträger).

Nein, vielmehr: hier stehen sich die Vollmachten und Lehren verschiedener Götter gegenüber. So spricht ein Delvanpriester nicht in der Vollmacht der Arivara, und selbst die vornehmste Priesterpersönlichkeit in dieser Stadt " - Ona blickt auf Arimaijana und verbeugt sich - "vertritt eben nur die Vollmacht der Göttin Endrakha und nicht die der Göttin Mehdora.

Im Kollegium der Richter sitzt überhaupt gar keine Mehdorapriesterin. Dies besorgt uns ernstlich, denn wer könnte wirklich kompetent überprüfen, daß Dayala in der Vollmacht ihrer Göttin und durch ihr Wort inspiriert gehandelt hat - wovon wir überzeugt sind! - , wenn nicht die Priester der Göttin, der sie dient?

Wenn nun die Priester anderer Gottheiten über die Priesterin der Mehdora zu Gericht sitzen, die gewiß ist, daß sie ihren Dienst in rechter Weise ausgeführt hat, dann ist dies kein Prozeß mehr von priesterlichen Richtern über eine vielleicht ketzerische Priesterin, sondern ein Prozeß im Namen der Götter gegen eine Göttin und ihre Lehre, die durch diese Priesterin vertreten wird.

Ein solches Verfahren wäre jedoch eine ungeheuerliche Anmaßung, eine Lästerung schlimmster Art, zumal sie von Priesterinnen und Priestern ins Werk gesetzt würde!"

Raunen erfüllt den Arivaratempel. Unruhe macht sich breit. Doch als die junge Frau fortfährt, hören alle sehr schnell wieder zu.

"Darum - das heißt: in ernster Sorge um das Wohl dieser Stadt! - wünschen wir zu erfahren, mit welcher Autorität das Richterkollegium hier Recht spricht, wie es die Schuld oder Unschuld unserer Mandantin festzustellen gedenkt, und schließlich, von welcher Art der Urteilsspruch sein kann, wenn er denn mehr sein soll als der Ratschlag an unsere Mandantin, gemeinsam mit ihren Mehdorapriesterkollegen selbstkritisch darüber nachzudenken, ob sie wirklich den Dienst an der Göttin recht verstanden hat."

Ona hält kurz inne, blickt dann zurück auf Dayja und Dayala, um sich danach wieder auf die Matte zu setzen.

Arimaijana richtet sich zu ihrer vollen Größe von 2,30 vat auf und fährt dich zornig an: "Du wagst es, die Autorität und Kompetenz dieses Gerichts anzuzweifeln? Sieh dich vor..."

Ihre Augen blitzen dich drohend an.

Etwas ruhiger fährt sie fort: "Nun, es geht hier wohl nicht darum, über irgendwelche besonderen Lehren des Mehdora-Kults zu streiten, sondern um die Achtung den Göttern gegenüber! Und die Anklage unseres Bruders Noldanion lautet, daß Dayala alle Götter gefrevelt hat, indem sie die Menschen ihnen gleichgestellt hat! Was kannst du also zu ihrer Entlastung vorbringen, Ona Benavana?"

Ona erhebt sich, um sich sogleich wieder vor Arimaijana zu verbeugen.

"Es lag uns fern, erhabene Hohepriesterin, die Autorität dieses Gerichts anzuzweifeln. Wenn von unserer Mandantin tatsächlich die Achtung allen Göttern gegenüber verletzt worden sein sollte, so wären wir die letzten, die sich Eurem Urteil nicht fügen würden. Falls unsere Mandantin jedoch entsprechend der Lehre des Mehdora-Kultes gehandelt hat - dann gibt es ein ernstes Problem, findet Ihr nicht?

Bevor wir - die Verteidigung - auf die Anklagepunkte eingehen können, wäre es uns ein Bedürfnis zu erfahren, in welcher Weise genau sich unsere Mandantin der Diffamierung Delvans und der ketzerischen Erniedrigung des Pantheons schuldig gemacht haben soll.

Der Delvanpriester wollte ja, glaube ich, in seinen Ausführungen noch fortfahren..."

Die junge, zierliche Verteidigerin richtet ihren Blick auf Noldanion und nimmt zögernd Platz.

Noch bevor Ona ihren Satz richtig beendet hat, erhebt sich Dayja, eine weitere Chirá neben der Menschenfrau und der Priesterin Dayala und verbeugt sich knapp. Sie blickt kurz auf Ona, um dann die Hohepriesterin anzublicken.

"Verzeiht meine Einmischung, ehrwürdige Hohepriesterin, aber es geht hier, wie Ihr bereits richtig erkannt habt, nicht um irgendwelche Lehren der Mehdora. Jedoch ist auch Mehdora eine Göttin, welche sogar viele Anhänger findet, und somit sollte auch sie das Recht haben, vertreten zu werden, wenn Mehdora in irgendeiner Weise sich gefrevelt gefühlt hat." Sie blickt kurz auf die Angeklagte, Dayala, atmet tief durch und spricht dann weiter: "Ihr seid eine Vertreterin der Göttin Endrakha, Göttin des Kampfes, Krieges und der Leidenschaft. Es ist durchaus verständlich, dass Ihr Euch aufgrund dieser Tatsache dazu berufen fühlt, diesen Prozess zu leiten. Zumal ein Priester des Delvan," Dayja wirft einen schnellen Blick zu Noldanion, "der die Flammen seines Gottes vereehrt, zu Euch kam. Auch wenn ich in der Verteidigung spreche, so bitte ich Euch, meine jetztigen Worte nicht im Zusammenhang mit der Verteidigung von Ona Benavana zu sehen." Ein entschuldigender Blick ihrerseits fällt auf die Frau. "Auch die Flammen Delvans zeugen von Leidenschaft, aber auch von Kampf, wie ich schmerzlich feststellen mußte.

Jedoch, mein Anliegen, warum ich in diesem Moment zu Euch spreche ist folgendes: Wir alle stehen hier, um das Recht der Götter durchzusetzen. Warum aber sollten wir Wesen, die unter den Göttern stehen, ihr Wort durchsetzen?

Wenn die Priesterin der Dayala die Götter gefrevelt haben, warum hat sie keine Strafe erhalten? Warum erfolgt die Strafe von Priesterhand? Verzeiht, ich kenne mich nicht mit dem Priesterhandwerk aus und weiß nicht, ob Ihr Anleitungen von Eurer Göttin erfahrt, ehrwürdige Hohepriesterin, aber dieser Prozess ergibt für mich nur einen Sinn, wenn die Frage, ob die Götter sich wirklich gefrevelt fühlen, mit ja beantwortet werden kann und die andere Frage, ob nicht einfach nur ein Priester aus verletztem Stolz gehandelt hat, mit nein beantwortet werden kann. Versteht mich bitte nicht falsch, aber ich habe große Ehrfurcht vor den Göttern, wenn auch nicht vor allen."

Sie blickt sich hastig um und lässt sich dann ohne weitere Worte wieder auf die Matte sinken, ohne auch nur ein einziges Wort zu verlieren.

Von einer Kiste erschallt ein Ruf "Bravo das nenne ich eine Verteidigung".

Als alle Blicke sich nach hinten umdrehen hört man nur noch von der kleinen Gestalt auf der Kiste "Entschuldigt, mein Temperament."

Knallrot senkt die Gestalt seinen Kopf ein wenig.

Noldanion erhebt sich, dann wendet er sich zu erst an Dayja.

"Warum haben die Götter Dayja nicht gestraft, lautet eure Frage. WArum? Ist dieser Prozess nicht eine Strafe der Götter? Die Götter haben Priester berufen, Priester, die ihr Mund und ihre Hand sein sollen, um das Volk in die Lehren einzuweisen. Es ist die Aufgabe der Priester, den willen der Götter aufzuschliessen. Deshalb ist dieser Prozess initiert worden. Weil die Götter nicht nur Dayala strafen würden, wenn die Priesterschaft versage, sondern ganz Gilgat."

Er senkt leicht das Haupt, dann wendet er sich an Ona.

"Nun, Dayala beteuerte mehrmals auf dem Marktplatz 'Jeder gute Mensch' wäre genauso wichtig, nein 'noch wichtiger' als 'ein Gott'. Damit hat sie das Pantheon erniedrigt - und diese Worte waren an mich gerichtet, um von mir, als Mitglied der Priesterschaft Delvans, Erfurcht vor ihren freunden zu erzwingen. Das sehe ich als eine Diffamierung Delvans...ganz davon abgesehen, wie oft Dayala den Delvankult beschimpft und beleidigt hat! Die Verteidigung sollte mir verzeihen, dass ich den Wortlaut nicht genau notiert habe...sie lies öffentlich verlauten, Delvans Priester wären 'Pyromanen'.

Damit bringt die Angeklagte unweigerlich zum Ausdruck, dass sie keinen RTespekt vor der Botschaft dieser Priesterschaft hat!"

Auf die direkte Antwort von Noldanion erhebt sich Dayja wieder. Ihre Augen funkeln ungestüm, als sie den Priester anblickt, dann sagt sie mit schneidender Stimme: "So lautet Eure Antwort, werter Noldanion. Aber habt Ihr schon einmal bedacht, dass eine Strafe von Priesterhand weniger den Anspruch erhebt "göttlich" zu sein, als eine Strafe der Götter selber?

Versteht mich nicht falsch, ich denke nicht, dass die ehrenwerte Priesterin Dayala die Götter gefrevelt hat. Es ist wohl nur in dem Sinne weniger Götter, seine Untertanen mittels Furcht zu regieren, ganz besonders nicht im Sinne der Mehdora. Wir ehren die Götter und haben Respekt vor ihnen, aber dennoch sollte uns das Wohl der anderen Wesen, egal ob Mensch oder Chirá, immer noch wichtiger sein, als an einen bestimmten Gott eine Opfergabe zu richten.

Oder würdet Ihr einem verwundeten Menschen nicht helfen, weil Ihr gerade damit beschäftigt seid, Euer geliebtes Feuer zu Ehren Delvans zu entfachen? Diese Frage könnt Ihr unmöglich verneinen, denn ich bin mir sicher, dass selbst das nicht im Sinne Delvans steht.

Was die Beschuldigung angeht, dass Delvans Priester Pyromanen seien: Ihr könnt nicht verleugnen, dass Feuer trotz seiner reinigenden Kräfte auch den Tod bringen kann, vor dem sich so viele Wesen fürchten. Feuer wird nun mal in Verbindung mit Delvan gebracht und durch Brände sterben wir nun einmal auch. In manchen Augen, auch wenn diese es nicht zugeben werden, seid Ihr nun einmal, verzeiht mir den Ausdruck, ein gefährlicher "Brandherd"." Und mit spitzer Zunge fügt sie noch hinzu: "Und wer hat denn diesen Prozess iniziiert? Ihr, Noldanion, oder Delvan?" Sie lächelt noch einmal, dann lässt sie sich wieder auf die Matte sinken, oh ne den Priester aus den Augen zu lassen.

Sogleich erhebt sich Ona und sagt: "Bevor wir im Namen Dayalas zum Vorwurf der 'Erniedrigung der Götter' Stellung nehmen, möchte ich meine Vorrednerin" - die junge Frau nickt der großen Chirá mit dem Stab lächelnd zu, blickt danach sofort wieder den Ankläger an - "noch an zwei Punkten ergänzen.

Ihr sagtet: Die Götter würden nicht nur Dayala strafen, sondern auch alle Priester, weil sie ihrer Aufgabe nicht nachkämen. Nun gibt es in unserer Welt eine ganze Reihe Religionen, deren Angehörige die Götter des Neuen Kultes überhaupt nicht verehren, und wenn auch diese Leute in ihrem Irrglauben längst nicht Eure Weisheit und vor allem Eure Gottesfurcht erreichen können, so scheint es ihnen doch nicht schlechter zu ergehen als den Anhängern des Neuen Kultes. Mir scheint, auch ihnen sind die Götter gnädig - vielleicht werden sie ja mit Dummheit gestraft, nicht jedoch mit schlimmen Schicksalsschlägen.

Und ich finde, wo die Götter gnädig sind, da sollten ihre Stellvertreter, die Priester, auch gnädig sein.

Der zweite Punkt, auf den ich eingehen will, betrifft die Sache mit den 'Pyromanen'. Ich war nicht selbst dabei - darum ist uns eine genaue Darstellung des Vorwurfs auch so wichtig - gibt es denn Zeugen, die diesen Audruck gehört haben? Und in welchem Zusammenhang wurde er verwendet?"

Ona nimmt wieder Platz.

"Selbst ein Vorovisianer würde nie den Wert eines Menschen über den seines Gottes stellen!" bemerkt Arimaijana kühl. "Und genau dies soll Dayala nach Aussage unseres Bruders Noldanion getan haben, ein Vorwurf, den ihr mit euren spitzfindigen Bemerkungen bisher nicht entkräftet habt!"

Unruhig und gespannt blickt Ona hinüber zum Delvanpriester, erwartend, daß er mir der Präzisierung seiner Anklage fortfährt.

Nun erhebt sich Dayala und verbeugt sich erst tief vor der Hohepriesterin, bevor sie unter den gespannten Blicken aller beginnt zu sprechen.

"Ehrenwerteste Arimaijana, was meine Verteidigerinnen sagen wollen, ist, so denke ich, folgendes: (ihr Blick huscht schnell zu Ona und Dayja hinüber) In diesem Gericht ist kein Mehdorapriester (bzw. Priesterin) vozufinden. Ich denke aber, in Mehdoras Gunst gehandelt zu haben, selbst als ich die Menschen über die Götter stellte. Ich maße mir nicht an, über zum Beispiel Delvans Lehre zu richten, da ich nicht verstehe, aus welchem Grund er was geschehen lässt oder durch seine Priester ausführt. Ich denke, ein Mehdorapriester würde mich besser verstehen, meint ihr nicht auch? Wenn ein anderer Mehdorapriester bezeugen würde, dass ich in der Gunst meiner Göttin gehandelt hätte, wäre ich wohl nicht schuldig, nicht wahr?" Sie verbeugt sich wieder un wartete auf die Antwort der Hohepriesterin. Als diese geantwortet hat (OOC: in einem ihrer Mails), verbeugt sich Dayala erneut und beginnt wieder zu sprechen. "Nun zu eurem Anliegen, welches ihr vorher erwähntet, werte Hohepriesterin. Ich würde mich gerne dazu rechtfertigen, gesagt zu haben, ich stelle die Menschen über die Götter. Wie ihr bestimmt versteht, ehre ich Mehdora am Meisten, sonst hätte sie mich nciht als Priesterin eingesetzt. Mehdora schenkt uns das Leben, schenkt uns also jeden einzelnen Menschen. Ich kann gut verstehen, weshalb sie erwartet, dass wir dieses Geschenk ehren und furchtbar schätzen. Mehdora liebt jeden Menschen wie ihr Kind. Ihr müsst verstehen, ich ehre Mehdora so sehr, wie sollte ich ihre Kinder nicht ehren? Natürlich ehre ich Mehdora mehr als ihre Kinder.

Doch ich sehe es, ja richtig, als Beleidigung Mehdora gegenüber an - wenn ihre Kinder nicht über oder wewenigstenes gleich zu einem anderen Gott stelle.

Mehdora liebt ihre Kinder mehr als jeden anderen Gott. Es sind schließlich ihre Kinder, wir sind ihre Kinder. Ich als Priesterin will und soll versuhen, wie Mehdora es will zu handeln. Ich denke, da Mehdora es selber tut, will sie auch von mir, dass ich ihre Kinder, uns Menschen, mehr als einen anderen Gott liebe." Dayala macht eine kurze Pause und verbeugt sich dann wieder so tief wie anfangs vor der Hohepriesterin und meint:"Ich hoffe, euch somit mein Vorgehen erklärlich gemacht zu haben." Damit setzt sie sich wieder und blickt stumm und erwartungsvoll hinauf zu Arimaijana.

Noldanion holt tief Luft.

"Nun, ihnen dürfte auch auffallen, geschätzte Schwester Dayala, das sich kein Mehdorapriester in der Verteidigung befindet. Der Mehdorakult ist über diesen Prozess durchaus informiert

Ausserdem hört auf, nun auch gegen eure eigene Göttin Mehdora zu lästern!

Sollte Mehdora es wollen, dass sie die Völker der Menschen, Chira und Sragon, Unuim, ihren [Mehdoras] Brüdern und Schwestern vorziehen?

Die wir doch nur durch die Gunst der Görtter leben?

Was erlaubt ihr euch!"

Dann wendet er sich an die Verteidigerinnen Dayalas.

"Dayja, ihr geht von einem GRundlegendem Irrtum aus. Ihr glaubt, ICH würde die Anklage gegen Dayala führen. Ich bin nur Vermittler, denn das Anklageprotokoll hat der Hohepriester des Delvan unterschrieben."

Er wendet sich zu Ona. "Ich weiss nicht, wie ich meine Anklage noch mehr präzisieren könnte, ich wiederhole mich schon die ganze Zeit.

Dayala hat auf dem Marktplatz die Menschen wiederholt über die Götter gestellt und steht immernoch dazu - und die Anfeindungen gegen den Delvankult sind bekannt - aber in diesem Falle ist wohl der erste Anklagepunkt der gravierende."

Noldanion lässt sich ungeduldig in seinem Sitz nieder.

Mit einer vielleicht etwas übertrieben zur Schau gestellten Mattigkeit erhebt sich Ona.

"Was nun, verherter Noldanion: Sind wir nun Kinder Mehdoras oder Delvans?

Soll ich meinen Onkel als Vater verehren? Ist das hier in Gilgat so Sitte?

Noch eine Frage, die für den Fortgang des Verfahrens von Bedeutung sein dürfte: Wen sollte eine Mutter mehr lieben? Ihre Geschwister oder ihre Kinder?"

Die zierliche junge Frau setzt sich wieder.

"Entschuldigt, Noldanion, doch ich denke nicht, dass ihr auch nur ein Wort in Mehdoras Namen sagen könnt. Bitte unterlasst dies, ich spreche auch nicht in Delvans Namen. Danke" Dayala lässt sich wieder nieder.

Ona blickt stolz auf die neben ihr sitzende Mehdorapriesterin. Dann erhebt sie sich und ergreift mit Blick auf Noldanion das Wort.

"Wir haben jetzt genau den Fall, auf den ich am Anfang des Verfahrens hingewiesen habe. Ihr habt Eure Kompetenzen als Delvanpriester überschritten und gewagt, Lehraussagen für Götter zu treffen, deren Diener Ihr nicht seid!

Zunächst einmal zu dem, was die Mehdorapriesterin ausführte, und was ich nur unterstreichen kann: Im Neuen Kult herrscht Einigkeit darüber, daß Mehdora die Urmutter ist, aus der alles Leben geboren wurde - damit auch die Urmutter auch der Priester anderer Gottheiten!

Wie ist das nun mit Müttern und Kindern?"

Ona fährt mit der Hand durch ihr langes Haar, nicht ohne eine gewisse Koketterie.

"Mein Vater hatte rabenschwarzes Kraushaar; meine Mutter hatte langes, glänzendes dunkelbraunes Haar, wie ich. Was sagen die Leute? Ona hat es von ihrer Mutter geerbt. Warum? Weil das, was in den Eltern steckt, an Kinder weitergeben wird.

Wenn wir nun von den Göttern sagen, daß sie Ehre besitzen, und auch von uns, den Kindern der Göttin Mehdora, dasselbe sagen, dann liegt der Schluß nahe, daß wir die Ehre von Mehdora - und damit von den Göttern - geerbt haben! Die Priesterin Dayala hat nun auf ihren besonderen Auftrag als Mehdorapriesterin hingewiesen. Sie erfüllt die Mission ihrer Göttin, allem Lebendigen wie eine Mutter ihren Kindern zu dienen, es zu dem Wichtigsten in ihrem Dasein zu machen, wichtiger noch als ihr eigenes Leben, wichtiger jedenfalls als jedes Ritual. Darum werden Euch die Mehdoragebete auch sicherlich als kurz, die Kultzeremonien als spärlich und die das öffentliche Auftreten ihrer Vertreter vielleicht als ein wenig suspekt erscheinen. Dies alles muß aber so sein, denn der Auftrag der Göttin lautet, das Leben höher zu achten als alles andere.

Und in diesem Sinne handelt eine Mehdorapriesterin ganz im Auftrag ihrer Lehre, wenn sie die Ehre derer, für die sie da ist und sich aufopfert, höher einschätzt als die Ehre der Götter - nämlich im Sinne kultischer Verehrung! - und genau diese Stelle war es, werter Noldanion, wo wir gerne ein wenig genauer erfahren hätten, in welchem Zusammenhang Dayala ihre hier so umstrittene Äußerung getan hat!

Die Mehdorapriesterin hat Euch vorhin wissen lassen, daß ihr ihre Äußerung deshalb nicht vorzuwerfen ist, weil sie eine Mehdorapriesterin ist. Hättet Ihr sie getan - als Delvanpriester -, dann wäre sie vermutlich lästerlich

gewesen. Aber die Mehdorapriesterin besitzt die Weisheit, sich in die Lehren anderer Kulte nicht einzumischen und sich eines Urteils zu enthalten."

Ona wirft dem Delvanpriester einen stechenden Seitenblick zu und läuft nun zu Form auf.

"Ich habe schon am Anfang dieses Verfahrens auf die Gefahr einer weit größeren Blasphemie hingewiesen, die diesem Prozeß innewohnt, dadurch nämlich, daß sich die Vertreter von Gottheiten des Neuen Kultes in die Lehre anderer Gottheiten des Neuen Kultes einmischen und sogar regelrechte Gerichtsverfahren anstrengen, mit der Begründung, daß man Strafe gegen die ganze Priesterschaft und damit gegen die ganze Stadt abwenden müsse.

Ja, ist es nicht eine weit größere Blasphemie, wenn sich ein Vertreter Delvans über die Vertreterin Mehdoras stellt? Damit wird doch gezielt die Göttin beleidigt! Das wird Mehdora nicht gefallen, und Delvan wohl auch nicht!

Überhaupt, dieses ganze Verfahren ist, solange im Richterkollegium kein autorisierter Vertreter Mehdoras zugegen ist, eine Beleidigung Mehdoras und damit des gesamten Pantheons.

Als ob das nicht jeder sehen, hören oder spüren könnte! Die Strafe der Götter - oder ist es nur eine Warnung? - ist doch bereits eingetreten - und sie richtet sich nicht etwa gegen eine bestimmte Person, sondern gegen die ganze Stadt.

Wer sagt, daß dieser Prozeß verhindern soll, daß die Götter die ganze Stadt bestrafen, dem entgegne ich, daß das Verfahren genau das herbeigeführt hat, was er verhindern sollte!

Darum beantrage ich - nein, ich bitte - b e t e darum, daß das Verfahren abgebrochen wird und schnellstmöglich eine Versöhnung zwischen den Priestern des Neuen Kultes stattfindet ..."

Erschöpft sinkt Ona auf ihre Matte.

Noldanion erhebt sich.

"Nun, ich habe mir nicht angemasst, in Mehdoras Namen zu sprechen - und noch weniger habe ich mich über eine Priesterin derselben gestellt. Aber – obwohl ich ein Priester des Delvans bin - bin ich doch ein wenig in den allgemeinen Lehren des neuen Kultes bewandert, und die sagen eindeutig nicht: erst die Völker Chrestonims, dann die Götter!

Ausserdem sagte Dayala auf dem Marktplatz nicht: 'Jeder Gute Mensch ist besser als Mehdora' was ja laut dieser Argumentation noch entschuldbar wäre (obwohl ich mich dann frage, warum sie eine Priesterin Mehdoras ist und nicht irgendeines guten Menschen), nein sie sagte 'Jeder Gute Mensch ist besser als jeder Gott'.

Damit masste sich Dayala nicht an, im Namen Delvans zu sprechen - nein, sie sprach im namen des gesamten Pantheons.

Ausserdem, FRau Benavana, möchte ich sie darauf hinweisen, dass ihre Aufgabe nicht darin besteht, diesen Prozess zu beurteilen und gegebenenfalls zu blockieren, sondern ihre Mandantin zu verteidigen.

Die Priesterschaft wird schon die Hintergründe dieses Prozesses verstehen - oder massen sie sich an, dies besser beurteilen zu können, als Arimaijana, Hohepriesterin der Endrakha?"

ER seufzt und wendet sich an Arimaijana.

"Ich denke, ich habe die Anklage damit ausrechend erläutert."

Dayala war impulsiv - gleichzeitig mit Ona - aufgesprungen, und hatte ihrerseits zum Delvanpriester gesprochen, fast zeitgleich mit der jungen Menschenfrau. Diese blickt der großen, schönen Chirá lächelnd in die Augen.

"Da haben wir genau an das gleiche gedacht!"

Dann wendet sie sich dem Delvanpriester zu.

"Aber ob Noldanion begreift, worum es geht?

Ich will es erläutern:

Die Mehdorapriesterin möchte den hier Anwesenden verdeutlichen, daß sie nicht in der Position ist, in die man sie hier stellen möchte, nämlich die einer gewöhnlichen Kultanbeterin. Sondern vielmehr repräsentiert sie ihre Göttin, wie auch Ihr, Noldanion, Delvan repräsentiert.

Sie vertritt die Mutterposition der Mehdora, und sie liebt darum die ihre Kinder, die Lebenden, mehr als die Geschwister der Mehdora - wobei ich mir nicht darüber im klaren bin, ob man hier wirklich ein geschwisterliches

Verhältnis auf die Götter übertragen kann, denn eigentlich müßten wir dann auch" – in diesem Augenblick wirft Ona einen raschen Seitenblick zum yedeischen Stadthauptmann hinüber, der unverhohlen zu grinsen begonnen hat - "Hostinos als richtigen Großvatergott und Mra-Aggar als echte Großmuttergöttin verehren, und sie nicht nur als Prinzipien ansehen ..." Ona winkt ab. "...aber davon verstehe ich nun wirklich zuwenig.

Naja, langer Rede kurzer Sinn: Wieder und wieder zeigt sich, daß es hier nicht darum geht, eine Ketzerin zu überführen, sondern um die Schwierigkeit, die ungewöhnliche und doch von tiefer Wahrheit erfüllte Lehre des Mehdorakultes und den Dienst seiner Priester zu verstehen!"

"Interessant...ihr wollt Dayala also als Gottgleich darstellen? Nun... wie ihr wollt..." bemerkt der Priester beinahe beiläufig und schaut immernoch unverwandt zu Arimaijana.

Noldanion seufzt gelangweilt.

"Ohne Delvan wäre alles FRost und kalt. Ohne Delvan hätte auch Mehdora wenig Chance...die beiden arbeiten meiner Ansicht nach sehr zusammen.

Aber wenn wir nun bei einem ratespiel mit findigen Fragen angekommen sind, lasst mich eine HInzufügen: Mit wem hat Mehdora wohl mehr ähnlichkeiten: Mit ihren Kindern oder mit ihren Geschwistern?

Aber lassen wir das.

Dayala hat das Pantheon (mit ausnahme von Mehdora) unter die Menschen gestellt. Dieser Punkt wurde während des gesamten Prozesses immer wieder untermauert. Vielleicht kann man auch Mehdora ehren ohne dem Rest des Pantheons zu freveln.

Wie dem auch sei. Ich bitte die Verhandlungsführerin, zur Urteilsfindung überzugehen, da ich hierdrin keinen weiteren Sinn sehe."

Fragend schaut er zu Arimaijana

Dayja schiebt Ona einen Zettel herüber und flüstert aufgeregt mit ihr. Ona wird bleich und erhebt sich. Sie ergreift das Wort, zuerst dem Delvanpriester zugewandt.

"Ihr behauptet, ich stelle die Mehdorapriesterin ihrer Göttin gleich? Wie kommt Ihr darauf? Gerade von Euch habe ich erst gelernt, in welchem Maß sich die Priester dieser Stadt als Repräsentanten ihrer jeweiligen Götter verstehen - und ich habe es akzeptiert.

Solange Mehdora nicht persönlich unter uns weilt, wird sie zuallererst von ihrer Priesterin Dayala repräsentiert - und wer Dayala vorwirft, sie hätte - in Ausübung ihres Dienstes! - die übrigen Götter gelästert, gerät mit der

Lehre und dem Auftrag der Lebensgöttin in Konflikt und macht sich seinerseits der Lästerung verdächtig.

Aber in Wirklichkeit ist ja alles noch viel dubioser!"

Die schon etwas ermattet wirkenden Prozeßbeteiligten horchen auf. Die junge Menschenfrau wendet sich dem Richterkollegium zu.

"Erhabene Hohepriesterin, wir bitten um Fortsetzung der Beweisaufnahme.

Dayja, die bei dem Gespräch zwischen Noldanion und Dayala dabei war, bei dem es zu den hier verhandelten Äußerungen kam, kann die Behauptung Noldanions, Dayala hätte gesagt, alle Menschen seien besser als alle Götter, nicht bestätigen. Dayala hat nach dem mir vorliegenden schriftlichen Zeugnis der Dayja" - Ona zeigt den ziemlich abgerissen aussehenden Zettel vor - "vielmehr gesagt: 'Denn ein Mensch, oder Chirá, oder was auch immer, ist viel wert, genausoviel wie ein Gott, so lange er gute und rechte Dinge tut'.

Hier werden die Menschen nicht über die Götter gestellt. Sie werden ihnen - wenn sie gut handeln (wie wir das ja auch von den Göttern annehmen) - lediglich gleichgestellt. Und dies wiederum darf eine Mehdorapriesterin in Ausübung ihres Dienstes mit Fug und Recht sagen; das haben wir in diesem Verfahren ja schon hinlänglich klargestellt.

Der eigentliche Vorwurf der Anklage jedoch - alle Menschen ganz allgemein über die Götter zu stellen - scheint der Phantasie der Anklage entsprungen zu sein!"

Mit diesen Worten geht Ona zu Arimaijana, überreicht ihr den Zettel und setzt sich danach wieder auf ihre Matte.

"Dieser Punkt der Anklage war nicht fantasiert", wirft noldanion ein. "das papier ist zwar auch so schon gewagt, aber zweifelsohne teilweise gefälscht."

Ruckartig schießt Dayja von der Matte hoch. Ihre Augen scheinen förmlich zu brennen als sie den Delvan-Priester anblickt. Mit lauter, schneidender Stimme sagt sie: "Mein werter Noldanion, ich frage mich, was Ihr Euch erlaubt? Ihr bezeichnet mich als eine Lügnerin? Ich gebe zu, dass ich diesen Streit provoziert habe. Mehr noch, ich habe ihn immer mehr aufgeheizt. Ob Ihr schon vorher im Streit mit Dayala lag, weiß ich nicht, aber die Aussage von Dayala entstand in einem Wortwechsel, den ich entfacht habe. Und nun wollt Ihr mir sagen, dieses Papier ist gefälscht? Mit welchem Recht maßt Ihr Euch an, solche Behauptungen aufzustellen? Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich nicht viel von Euch halte. Dass Ihr meine Kompetenz anzweifelt, bestärkt meine Meinung nur noch. Ich habe mich bereit erklärt, in diesem Prozess auszusagen, meine Motive dürften wohl bekannt sein. Ich frage mich, wie Ihr über meine Kompetenzen urteilen könnt, wenn Ihr auf der Gegenseite steht? Es dürfte wohl allen klar sein, dass Ihr meine Worte widerlegen wollt." Das Feuer in Dayja's Augen versiegt, als sie die Hohepriesterin der Endrakha anblickt. "Ehrenwerte Hohepriesterin, ich bitte Euch, das Papier zu akzeptieren. Diese Worte sind mit einem reinen Gewissen geschrieben worden."

Sie bleibt noch einen Augenblick stehen, lächelt Noldanion merkwürdig an und lässt sich wieder auf die Matte sinken. Der Zorn steht ihr ins Gesicht geschrieben, ihr Atem geht schwer.

"Soso, gefälscht, von Dayja, die hier unter uns sitzt!" murmelt Ona, sarkastisch lächelnd. "Fest steht jedenfalls, " fügt sie laut hinzu, "daß die Beweisaufnahme alles andere als gesichert ist."

Die junge Frau, die sich diesmal nicht erhoben hat, wendet sich nach rechts, der Mehdorapriesterin zu.

"Vielleicht wäre es angebracht, wenn Ihr einfach mal klarstellen würdet, werte Dayala, was Ihr damals zu Noldanion gesagt habt und was er Euch jetzt zu Unrecht unterstellt."

Dayala lächelt kurz und hoffnungsvoll Dayja und Ona zu, dann steht sie erneut auf und meint lächelnd und leise zu Noldanion gewandt:" Nun, Noldanion, ihr bezichtigt Dayja der Lüge? Ihr seid ein armer Tor!!" Dann wendet sie sich

der Hohepriesterin und allen anderen im Raum zu:"Es tut mir leid, werter Noldanion, werte Anwesende...", meint sie matt und setzt fort:" Das ich so dumm war, mir nicht einmal meine eigenen Worte zu merken. Verzeiht. Doch was meine Verteidigerin Dayja da bemerkt hat und Ona euch allen soeben mitteilte, stimmt.

Dies war mein Satz. Genauso sprach ich und Dayja kanndies bezeugen, da sie ebenfalls in dieses Gespräch verwickelt war, an welches ich mich nun wieder genau erinnere. Ich stellte die Menschen gleich den Göttern. In dem Anklagepunkt, den Noldanion also vortgetragen hat, kann ich nicht schuldig gesprtochen werden. Werter Delvanpriester, welch Teufel der Phantasie hat euch bei eurer Anklage geritten?" Selbsticher lächelnd, nein, fast schon hämisch grinsend setzt sie sich nieder und strahlt ihre Freundinnen an. Dann flüstert sie den beiden leise etwas zu...

Noldanion lächelt kühl.

"In dieser langen Verhandlung hat dayala immer wieder die Motive erläutert, die sie dazu bringen, die Menschen ÜBER die Götter zu stellen - darf ich sie daran erinnern?

Mehdora als Urmutter des Lebens, als Mutter aller Menschen, die man mehr lieben solle als alle Götter - mit ausnahme von mehdora selbst.

Nun - ich finde es ein wenig merkwürdig - dass nun, nachdem Dayala ihre Einstellung in dieser Hinsicht so beteuert hat, die Verteidigung mit einem seltsamen Protokoll herausrückt, welches Dayalas argumentation hinfällig macht - und überhaupt nicht meinen persönlichen Erinnerungen entspricht!

Hat Dayala gerade gar MEINEID begangen vor der Priesterschaft?

Hat sie Meineid begangen, als sie sagte, sie stelle die Menschen über die Götter?

Welch eine Frechheit!

Abgesehen davon finde ich es ebenso frech, Dayalas Ausspruch als 'lediglich' eine Gleichstellung von Menschen (die Gutes tun) und Göttern zu bezeichnen.

GLaubt ihr, meine liebe Ona, meine Liebe Daya, dass Dayala in ihrem Leben schon viel Gutes und Schönes vollbracht hat?

Vermutlich.

Stellt ihr sie daher Gott gleich?

Spätestens jetzt sollte euch das durch und durch ketzterische Element in dem zweitem Protokoll auffallen.

WAs jedoch nichts daran ändert, dass ich das zweite Protokoll für gefälscht halte.

Das hat zwei Gründe:

Ich traue Dayala nicht die Frechheit zu, hier, vor den Priestern, Meineid zu begehen. Aber euch, Dayja, traue ich eine ganze Menge zu.

Ihr sagtet mir einst, ihr wolltet euch von 'den Priestern losschneiden' und euch nicht als 'Marionette der Götter' behandeln lassen. Ein persönlicher Grund für mich, eure Beweise mit Skepsis zu betrachten - allerdings sollte dies für das hohe Gericht vorerst irrelevant sein.

Nun, es gibt noch einen dritten Grund, der mich dazu verleitet, an dem Protokoll zu zweifeln: Ich erinnere mich anders, aber wirklich ganz anders an Dayalas Ausspruch."

"Noldanion, für euch macht eure Anklage doch keinen Unterschied, ob ich die Menschen über die Götter stelle oder nur gleich den Göttern stelle. Ihr findet beides gleich ketzerisch. Also was soll euer Gerede? Es ändert ja doch nichts. Außerdem, vielleicht solltet ihr mal zuhören, ich sagte immer, man solle aus den vorher oft genannten GTründen die Menschen MINDESTENS den Göttern gleichstellen, wenn nicht die Menschen darüber stellen. Also widerspricht es sich keinesfalls meiner vorher genannten Argumente, dass ich nun am Marktplatz die Menschen den Göttern gleichgestellt habe. Das sollte nun geklärt sein", meint Dayala abschließend, sachlich und doch leicht genervt. Ihr scheint die Hitze und die lange Verhandlung nicht unbedingt wohlzutun. Sie steht auch nicht mehr auf, nur um zu Noldanion zu sprechen, nur selten blickt sie ihn an, sieht sonst geradeaus. "Noldanion, bitte sagt mir doch, was ihr von mir, Dayja und Ona nun hören wollt. Sagt mir einen Vorwurf, den ich noch nicht erläutert habe und bittet mich dann um eine Antwort. Ich weiß gar nicht, was ich euch noch zu erklären habe!" Sie fährt sich mit der Pfote über ihre schweißnasse Stirn und ihr Ton wird mehr denn je gleichgültig.

"Nun erklärt mir bitte, werter Delvanpriester, wen ihr mit Gott meint. Es gibt so viele Götter und ich kann mir wirklich gut vorstellen, dass eine Mehdorapriesterin mit Mehdora assoziiert wird, gleichgestellt wird. Gnauso wie ein Delvanpriester Delvan vielleicht gleichgestellt wird, nur in den Gedanken der Menschen. Denn sehen sie den Gott? Nein, so verkörpert ihr Delvan für sie.

Sie stellen euch mit Delvan gleich. Welche Ketzer!", meint Dayala mit übertriebener Entsetztheit und fährt fort, nun deutlich schneidender:" Auch wenn meine gute Freundin Dayja nicht gerade die gottesfürchtigste von uns ist, was, Noldanion, was bitte gibt euch das Recht dazu, sie als Lügnerin zu bezeichnen?

Und sie beleidigte nicht einmal Delvan, so das es euch gestört hätte – sie beleidigte euch, wegen eures hochnäsigen Gemüts, und ihr hattet sie auf eben gleiche Weise beleidigt. Ihr hbat kein Recht, sie des lügens zu bezichtigen, so lange es keine Beweise dafür gibt, dass Dayja lügt, was ich eindeutig abzuweisen verstehe. Euer Konflikt ist tatsächlich so unbedeutend für das Gericht, dass ihr ihn nicht hättet erwähnen brauchen.

Außerdem, dieser Satz wurde damals am Markt exakt so von mir gesprochen.

Dayja ist meine Zeugin das ich es so gesagt habe. Könntet ihr mir vielleicht mitteilen, in welchem Satz ihr denkt, dass ich eurer Anzeige getreu, damals gesprochen habe. Das würde mich doch sehr interessieren." Sie beendet die Rede und räuspert sich heiser. Danach nimmt sie einen Schluck aus einem Wasserkrug vor ihrer Matte und sieht durch die Reihen. Die Leute schlafen, lauschen gespannt oder unterhalten sich flüsternd. Während sie auf Antwort von Noldanion (und vielleicht - endlich - auch der Hohepriesterin) wartet, meditiert sie stumm und konzentriert.

Als Ona hört, wie ihre große Freundin sagt, daß man die Menschen mindestens den Göttern gleichstellen solle, zuckt sie sichtlich zusammen. Sie hatte sich gerade die ultimative Verteidigungsstrategie zurechtgelegt. Doch statt verbal über den Delvanpriester herzufallen, muß sie sich nun ihrer Freundin und Mandantin zuwenden.

"Dayala, äh, damit die Anwesenden das jetzt nicht mißverstehen: Ihr, eine Chirá, habt immer nur von den schwächsten und gebrechlichsten aller vernunftbegabten Wesen, den Menschen, gesprochen. Vielleicht könnt Ihr einmal erläutern, warum Ihr ausgerechnet sie den Göttern wenigstens gleich stellt: Tut Ihr das, weil sie anbetungswürdiger und ehrfurchtgebietender wären, oder weil sie, als die hilfsbedürftigsten aller zivilisierten Rassen, Eure Sorge für alles Lebende am nötigsten brauchen? Stellt Ihr die Menschen Göttern gleich, weil sie von allen Rassen am göttlichsten sind, oder weil die Göttin Mehdora Euch und alle anderen Mehdorapriesterinnen beauftragt hat, das am wichtigsten zu erachten, das Eurer mütterlichen Liebe am meisten bedarf?"

Sorgenvoll betrachtet sie die Chirá, welche noch den Wasserkrug in der Pfote hält.

Dayala lächelt nut, als sie merkt, wie ihre Freundin zusammenzuckt. "Ona, erschreckt euch nicht", meint sie milde," Ich wiederholte lediglich, was ich damals zu Noldanion auf dem Marktplatz sagte. Schließlich kann ich es nicht abstreiten und außerdem", fügt sie mit einem Hauch Bitterkeit in der Stimme hinzu:" Ist es meine Meinung und ich werde sie nicht zurücknehmen, egal, was mich sonst erwartet." Dann wendet sie sich wieder dem gespannten Publikum zu um Onas Frage laut zu beantworten:" Ich sprach nur von den Menschen, da sie tatsächlich die schwächsten Kreaturen, die schwächsten Kinder Mehdoras sind. Sie wissen sich schlechter zu helfen, als zum Beispiel eine Chirá" dabei wandern Dayalas Augen kurz zu ihrer ebenso katzengleichen Freundin Dayja zu" Genau darum setzt Mehdora ihre Priester dazu ein, dieser...ähm...schwachen Rasse zu helfen. Denn ein Gott kan sich selbst verteidigen, doch ein Mensch? Ich bin mir sicher, sie brauchen mehr untersützung der Götter oder ihrer Priester, durch die sie sprechen, als irgendein anderer Gott. Und da ich mir, wie so denke ich alle anderen Mehdorapriester zur Aufgabe gemacht habe das Leben – also Mehdoras Geschenk - zu schützen und über alles zu ehren, so muss sich jeder eingestehen, dass die Menschen nun für mich wichtiger sind als die Götter. Wie schon gesagt, ist in allen Lebewesen ein kleiner Teil Mehdoras, darum ehre ich sie so sehr wie meine Göttin. Da ich das Leben schützen soll, schützen muss und die Menschen die schutzbedürftigsten sind, sprach ich stets von ihnen.

Obwohl auch in jeder anderen Rasse Mehdoras Geschenk steckt und für sie daher das selbe wie für die Menschen gilt." Mehdora sieht zu Ona hinüber, ob sie alles gut erklärt hat. Schon als sie gesprochen hatte, konnte man sehen, wie unkonzentriert die junge Chirá war und jetzt ist ihr Blick umso unsicherer. Müde und verschwitzt muss sie sich im schwülen Raum anstrengen, um alle Worte rings um sie aufzubenehmen und zu überdenken. Ihre Rede war auch nicht halb so schwungvoll wie die Male dafür und erst jetzt scheint sie perplex zu bemerken, dass sie noch immer den Wasserkrug in den Händen hält.

Noldanion ist manches einfach zu doof, um darauf zu antworten. Sein desinteressiertes Gesicht macht dies mehr als genug deutlich.

Das Priester nicht gleich Göttern sind weiss jedes Kind...

Ona erhebt sich.

"Danke, Dayala; ich denke, wir verstehen jetzt vieles besser.

Ich frage nun Noldanion, den Vertreter der Anklage: Wollt Ihr dies der Mehdorapriesterin wirklich zum Vorwurf machen?

Dayala wollte die Heiligkeit und Erhabenheit der Götter ja in keiner Weise herabwürdigen oder die Menschen für vollkommener erklären als das Pantheon.

Im Gegenteil!

Wir stimmen wohl darin überein, daß die Menschen zugleich göttlichen Samen in sich tragen, daß sie aber auch hilfsbedürftiger sind als alle anderen zivilisierten Lebewesen.

Fürwahr, zu allen zugleich schwachen und doch zum Guten fähigen Wesen werden die Mehdorapriester von ihrer Göttin ausgesandt. Für die Bedrohten und Schwachen sollen die Diener der Urmutter da sein, und nichts soll ihnen wichtiger werden, als Dienst und Hilfe an denen, die sich selber nicht mehr helfen können. Nicht einmal die Götter, denn sie bedürfen der Hilfe nicht.

Das ist die Lehre der Göttin Mehdora in Reinkultur, kristallklar.

Noch einmal frage ich: Wollt Ihr das der Mehdorapriesterin zum Vorwurf machen?"

Bei dieser Frage macht Ona ein ausgeprochen finsteres und hinterlistiges Gesicht. Sie setzt sich wieder, ohne den Blick vom Delvanpriester abzuwenden.

Nach einiger Zeit des Schweigens ergreift Ona erneut das Wort:

"Nun gut, Noldanion, da Ihr es nicht für nötig haltet zu antworten: Kann ich davon ausgehen, daß Ihr von Eurer Anklage gegen Dayala, die im Auftrag und Sinn ihrer Göttin gehandelt hat, nicht absehen wollt?"

Die Tatsache, daß sich Ona nicht zur Frage erhoben hat und der eher beiläufige Tonfall ihrer Stimme stehen im krassen Gegensatz zu dem herausfordernden Blick, den sie dem Delvanpriester zuwirft.

"Ach, nimm es Noldanion nicht übel. Wenn du so ein edler, hochwürdiger Mensch wärst, würdest du dann mit uns ketzerischem Gesindel sprechen?", meint Dayala belustigt zu Ona, aber so laut, dass es alle hören können. "Noldanion scheint von unseren Reden gelangweit, meint ihr nicht auch? Jammerschade, dass wir ihn bei so einer lustigen Veranstaltung nicht genügend unterhalten können!"ergänzt sie mit gespieltem Mitleid und funkelt Noldanion herausfordernd an.

Zu ihren Freundinnen gewandt wispert sie etwas ernster:" Dieser Prozess hat doch überhaupt keinen Sinn. Es hört ohnehin niemand auf uns, was soll das Theater? Denkt dieser eingebildete Delvanfutzi denn, wir hätten nichts anderes zu tun, als hier herumzusitzen und uns die Köpfe rauchend und die Lippen trocken zu reden, nur, um doch nicht angehört zu werden? Noldanion war wohl ein wenig zu langweilig, ansonsten hätte er diesen Prozess nie eingeleitet. Er hat doch überhaupt keine Argumente. So etwas macht mich noch wahnsinnig!"

Dayja erhebt sich müde. Es scheint, als würde ihr Feuer verlorengegangen. Dennoch klingt ihre Stimme wütend, zugleich jedoch verspottend, als sie ihre Worte spricht.

"Nun Noldanion, wie Ihr vielleicht wisst, ist dies ein Prozess. Während wir hier alle auf das Urteil der werten Hohepriesterin warten, stellt sich mir immer wieder die Frage: Warum das Ganze? In einem Prozess sollte zumindest die Möglichkeit gegeben werden, sich zu verteidigen oder notfalls den Grund der Anklage zu erklären. Vielleicht ist es Euch hin und wieder mal augefallen, dass wir das hier die ganze Zeit tun. Dieser Prozess hier erscheint mir ebenso sinnlos wie die Feuerschale eines Delvanpriesters in einem Waldbrand. Wieso habt Ihr uns die Hoffnung auf einen fairen Prozess gegeben" Das Wort "fair" spricht Dayja mit einer beißenden Ironie aus.

"Wieso habt Ihr nicht gleich Euer Urteil gefällt? Dayalas Erklärungen sind mehr als plausibel. Aber das wollt Ihr einfach nicht verstehen. Im Gegenteil, Ihr scheint Euch sogar lustig über Euch zu machen. Ich mache Euch einen Vorschlag: Brechen wir diesen sinnlosen Prozess ab. Möge das Urteil gefällt werden, auch auf die Gefahr hin, dass es falsch gefällt wird." Bevor sie sich hinsetzt meint sie noch: "Es ist schade, dass Ihr die ehrwürdige Hohepriesterin der Endrakha in diese Farce hineinziehen musstet. Denn das ist dieser Prozess. Eine Farce." Dayja setzt sich und nimmt Dayala den Wasserkrug aus der Pfote, um selbst einen Schluck zu sich zu nehmen.

Noldanion erwidert:

"Schweigen heisst nicht immer Ignoranz. Das sollten sie vielleicht wissen. Aber ihre Argumente wiederholen sich und verlaufen sich im Sand... Dieser Prozess ist eine Farce?

Sie hegen Zweifel daran, dass die Hohepriesterin ein richtiges Urteil fällt? Ich werde die Richterin entscheiden lassen, denn ich weiss, dass ihre Entscheidung von den Göttern gewollt ist. Und wer dann noch wagt, diese Entscheidung als 'falsch' anzusehen..." er verstummt und schliesst müde die Augen.

"Aus den Worten der verteidigung habe ich entnommen, dass auch sie dazu bereit ist, dieses Gespräch hier zu beenden. Ich bitte, jetzt zur Urteilsfindung über zu gehen."

"Mögt von uns denken was ihr wollt, schert euch doch zum...", unterbricht Dayala ruhig ihren Satz und setzt nach einer kurzen Pause nach:"Es ist doch so, ihr wollt uns nicht verstehen. Gut, ihr seid wütend auf die vielleicht teils beleidigenden Worte von mir und meinen Freundinnen, am Marktplatz. Gut, ihr seid entweder erzürnt oder beleidigt und wollt uns darum nicht verstehen.

Aber ihr versteht uns doch nicht. Das könnt ihr nicht abstreiten. Und ihr ignoriert unsere Worte, es sei denn, ihr stell euch nicht nur so dumm sondern seid es auch, doch das denke ich nicht von euch. Sagt mir bitte nur, warum ich hier überhaupt eingeladen wurde. Oder sagt mir, was ihr von mir hören wollt, um mein Urteil zu mindern. Es ist mir gleich, wie es ausfällt. Falls ihr gedacht habt, ihr könntet mir damit "eins auswischen" täuscht ihr euch Noldanion.

Und macht keine so pikierte Geste, weil ich gerade mit meinen Freundinnen spreche. Ihr wisst was ich von euch halte. Ihr sprecht, als hätten wir es in der Hand, dass die Hohepriesterin das Urteil verkündet. Sie scheint schließlich mehr über unsere Worte nachzudenken als ihr...vielleicht weil sie das Nachdenken besser beherrscht." Dayala wartet gespannt auf die Worte Arimaijanas ohne Noldanion anzusehen, jedoch ein vergnügtes Lächeln auf den Lippen.

Das Blatt wendet sich

[Es treffen Boten aus der Allianzhauptstadt mit Nachrichten an die prozessierenden Gruppen ein. Dadurch nimmt das Verfahren einen völlig neuen Verlauf.]

Noldanion lächelt kühl.

"Ona, wenn ihr glaubt,ich könnte diese Anklage zurücknehmen, als ob ich der Grund dieses Prozesses wäre, habt ihr diesen Prozess einfach nicht verstanden.

Eure verteidigung ist plump, und eure euch raffiniert erscheinenden Winkelzüge werden dayala nicht helfen, denn sie sind genauso schlimm wie die Anklage gegen sie.

Dayala wurde vorgeworfen, die menschen über die GFötter gestellt zu haben. Sie hat uns stundenlang begründet warum sie es tut - die anklage damit also nur untermauert.

Dann will die Verteidigung mit einem zweifelhaften Protokoll andeuten, dass die Anklage hinfällig ist - genauso wie Dayalas mühevolle Begründeungen – und das die Angeklagte Menschen und Götter 'nur' gleichgestellt habe.

Auf meine Erwiderung, ob sie sich dann Gottgleich sehen würde, erwidert die Verteidigung, alle Priester wären gottgleich - Ona, ihr solltet ebenfalls mit mir dieses Gespräche beenden und nun endlich die Urteilsfindung stattfinden

lassen.

Die Diskussion verliert Hand und Fuss."

Letztere Worte sehr nachdrücklich gesprochen, wendet sich Noldanion (etwas ungeduldig) an Arimaijana.

"Noldanion, auch ich wäre froh, wenn endlich ein Urteil gesprochen würde.

Doch ihr wisst, ich habe es gesagt, ich weiß es, alle hier im Raum wissen, dass ich die Menschen den Göttern gleichgestellt habe. Wozu ein Prozess, frage ich euch? Die Sache ist doch klar. Wozu gibt es einen Prozess, wenn ich doch keinen Grund finden kann, um mich nicht schuldig sprechen zu lassen. In euren Augen gibt es einfach keinen Grund, der gegen meine Schuldigkeit spricht, also frage ich mich wirklich, wozu ihr einen Prozess gebraucht habt. Warum seid ihr nicht gleich zur Hohepriesterin gegangen, das hätte uns allen viel Zeit gespart. Ich und meine Verteidigerinnen haben hier ja sowieso nichts zu sagen.

Außerdem meintet ihr, ihr habet diesen Prozess nicht eingeleitet. Wer dann, Delvanpriestern, wer dann?"

Dayala lächelt nur amüsiert und scheint keine Angst vor dem Kommenden zu haben. "Mehdora wird mir beistehen und helfen, ich brauche keine Furcht", flüstert sie selbstbewusst mehr zu sich als zu Ona und Dayja.

Der Prozeßtag ist beendet.

Ein Diener der Medohra-Oberpriesterin sucht spät in der Nacht Dayala auf. Wortlos drückt er ihr ohne die übliche Ehrbekundung ein versiegeltes Schreiben in die Hand, und zieht sich darauf hin ebenso wortlos wieder zurück.

Das Schreiben trägt zum einen das Siegel der obersten Priesterin, und zum anderen das Zeichen höchster Geheimhaltung.

Als Dayala die Siegel bricht findet sie folgendes Schreiben vor:

"An: Dayala

Sichára Dayala Vanalyjda Ajieridas Akkrijiar,

mit großer Besorgnis habe ich die Vorkommnisse der letzten Tage verfolgt. Durchgängig lies ich die Vorgänge von meinen Bedienstete Beobachten, und mir Bericht erstatten.

Bis zuletzt habe ich daraus gehofft, daß sich die unangenehme Angelegenheit ohne schwerwiegende Folgen lösen ließe. Jedoch haben sich die Ereignisse wir mir scheint bis zum jetzigen Zeitpunkt immer weiter zugespitzt, so daß ich

es nichtlänger vermag zu schweigen.

Ich kann nun nicht mehr über Eure Abweichungen vom wahren Glauben im Dienste der Medohra hinwegsehen.

Deshalb bitte ich Euch, euch auf die Grundlehren eurer Ausbildung zu besinnen, und den Dienst an den Mitmenschen in den Vordergrund eures Tun zu stellen, statt gewagte Thesen die ich selbst nicht nachzuvollziehen vermag im leicht zu beeinflussenden Volk zu verbreiten.

Weiter sehe ich mich gezwungen Euch mitzuteilen, daß ich ob Eurer Starrheit im Verlauf des Prozesses dazu gezwungen bin, Euch den Status der priesterschaft abzuerkennen.

Dayala Vanalyjda Ajieridas Akkrijiar, hiermit verweise ich Euch aus der Priesterschaft der Medohra.

Solltet ihr Reue und Einsicht zeigen, und bereit sein Euch wieder auf unsere Lehren zu besinnen, so sei es Euch gestattet, als Dienerin unseres Tempels in Gilgat weiter in der Obhut der Medohra zu bleiben.

Ich habe in einem zweiten Schreiben die Priester vonGilgat gebeten, Milde und Einsichtig über Euch zu urteilen. Jedoch kann ich nichts unmögliches von ihnen verlangen, weshalb ich Euch dringend dazu anhalten möchte, euren

Fehler einzusehen und einzugestehen. Ansonsten rechne ich mit dem schlimmsten aller Urteile: Mit einem schandvollen Tod!

Es ist immer wieder traurig zu sehen, wie einer aus der eigenen Gemeinschaft ausbricht, und immer ist es mir ein großes Anliegen gewesen, solche verirrten Piyuvas wieder zurück zur Herde zu führen. ihr jedoch habt euch soweit von uns abgewandt, daß ich wenig Hoffnung habe.

Bereut, seht ein, und führt ein Leben im Dienste der Medohra, damit ihr wenigstens Eurer Seelenheil wieder erlangen könnt.

Sichára,

eure gottesfürchtige Mutter im Glauben der Medohra"

Dayala liest das Schreiben aufmerksam, doch ihr Blick wird nur wenig von kurzem Entsetzen und oft von langem Kopfschütteln unterbrochen. Sofort sucht sie Ona und Dayja auf um ihnen die Nachricht mitzuteilen. Als sie die Beiden gefunden hat, streckt sie ihnen wortlos das Schreiben entgegen und spricht nach ein paar Minuten, in denen sie den Schrieb fest in der ausgestreckten Hand gehalten hat, mit heiserner Stimme:"Wir haben verloren."

Als ihr beide gelesen habt, beobachtet Dayala erst stumm eure Mimik und lächelt dann säuerlich:"Sie hat nicht verstanden." Dann würgt sie leise heraus, als koste es sie viel Überwindung das zu sagen:" Vielleicht waren meine Worte ja falsch. Vielleicht waren sie zu hart. Noldanion hatte...vermutlich...recht mit seinen Behauptungen, wenn selbst die Hohepriesterin ihm zustimmt." Nach einer langen, verzweifelten Pause spricht sie erneut nun etwas lauter und mit ein wenig weniger Zittern in der Stimme:" Ich war mir so sicher, dass ich Mehdoras Willen ausführe und...ich bin es auch jetzt noch. Wenn Mehdora mich den Prozess verlieren hat lassen, dann nicht um mich zu strafen, sondern um mir einen neuen Weg zu zeigen...ein neues Leben, vielleicht. Vielleicht ist Gilgat nicht das Richtige für mich...vielleicht wusste Mehdora das. Vielleicht habe ich irgendwo eine Aufgabe, der ich mich nun widmen kann und die mir mehr Glück bringt." Sehr traurig schüttelt sie den Kopf, sieht mit glänzenden Augen zum Himmel und sagt dann leise:" Ich kann hier nicht bleiben. Ich kann doch nicht Reue zeigen...nicht vor Noldanion...ich kann doch nicht..." Sie legt ihr Gesicht in die Pfoten, blickt wieder auf und beginnt langsam nachdenklich im Kreis zu gehen, starrt mal auf den Boden, mal in die Sterne als ob sie dort eine Antwort finden würde. "Ich habe mindestens ein Dutzend mal zu Mehdora gebetet nach dem ich das Schreiben erhielt und zehn dutzend mal während des Prozesses. Mehdora kann nicht bestimmen, wie die Menschen handeln, sie kann den Prozess nicht bestimmen. Doch sie kann bestimmen, was mit mir wird, sie kann mir helfen, wenn sie mich liebt und hinter mir steht, sie kann mich

strafen...töten, wenn sie mich - wie die Hohepriesterin - verstößt. Tut sie das nicht, bin ich glücklich, denn nicht die Meinung der Hohepriesterin bedeutet mir etwas, schon gar nicht, was sie in Mehdoras Namen über mich spricht, sondern nur Mehdoras Güte. Hilft Mehdora mir, so habe ich richtig gehandelt, da bin ich mir sicher..." Sie beginnt fast, sich über den Prozess auszulassen, schweigt dann aber und meint wieder etwas niedergeschlagen:" Ich wette, sie lesen es am Makrtplatz vor...ich kann Noldanions Gesicht sehen, wenn er es liest."

Fast hilfesuchend wendet sie sich ihren Freundinnen zu und durch ihr voriges Gebaren kann man leicht erkennen, welch Schlag diese Mitteilung für sie war.

"Was soll ich nur tun?"

Nach dem ersten Erschrecken über die Nachricht der Mehdora-Hohepriesterin ergreift Ona voller Anteilnahme die Pfote Dayalas.

"Mehdora wird Euch nicht verstoßen und schon gar nicht töten", flüstert sie der großen Chirá zu. "Sie tötet niemanden - das überläßt sie anderen. Und schon gar nicht Euch, ihre hervorragendste Dienerin! Wer hat mehr für das Wohl der Bewohner dieser Stadt getan als Ihr? Wer hat ihren Auftrag der Fürsorge für ihre Kinder gründlicher und ohne Rücksicht auf eigene Verluste erfüllt - das muß man ja jetzt wirklich so sagen - als Ihr?"

Onas Gesichtsausdruck wandelt sich von Mitleid zu Entschlossenheit.

"Ja, es ist gut so! Verlaßt diesen verlogenen Mehdorakult! Sie haben Euch wahrhaftig nicht verdient! Diese sogenannte barmherzige Mutter Tahoma, die Euch zunächst jede Unterstützung, jeden Rat, jedes Wort der Lehre versagt hat, um Euch dann im entscheidenden Augenblick des Verfahrens den Boden wegzuziehen - diese verräterische 'Mutter', eine Rabenmutter!

Hat sie denn mit einem Worte ihre Entscheidung begründet? Hat sie Euch denn auch nur mit einem Argument wissen lassen, warum Ihr in Euch gehen sollt und Buße tun sollt? Ist das Dummheit oder Heuchelei, was die oberste Dienerin der Mehdora an den Tag legt - oder beides? Sei's drum! Ich habe gelernt. Nie wieder," - die zierliche Menschenfrau wird von einem Schluchzer erschüttert im Gedenken an ihre gute und so lehrreiche Zeit in der Obhut der Dayala – "nie wieder werde ich meinen Fuß freiwillig über die Schwelle eines Mehdoratempels setzen! Für immer wird mich an den Kultstätten der Lebensgöttin der ekelhafte Gestank von Heuchelei und Verrat ihrer Hohepriesterin verfolgen!"

Ona hat ihrer Empörung Luft gemacht. Sie beruhigt sich etwas.

"Was sollen wir nun tun?" fragt sie Dayala. "Das Schreiben der

Obersuperpriesterin der Mehdora glänzt ja durch die Abwesenheit von neuen Einsichten.

Sollen wir hart bleiben und mit hohem Einsatz - Eurem Leben! - weiter vorangehen, oder wollt Ihr Eurer ehemaligen Vorgesetzten einen letzten Gefallen erweisen und in demonstrativer Demut das Urteil erwarten?"

Dayala sieht dankbar zu der zierlichen Menschenfrau herunter und ihr ist die Erleichterung, wie sehr ihre Freundinnen zu ihr stehen, wirklich ins Gesicht geschrieben. "Wie kann der Mehdorakult - mit einer lebensspendenden, gütigen Göttin - eine solch verlogene Brut hervorbringen? Seid gewiss, ich danke meiner Ehre oder besser meiner Schande als Mehdorapriesterin dankend ab. Nein, ich will nicht zu diesen Heuchlern gehören, denn wenn ich mich zu diesem Pack zählen muss, um Mehdorapriesterin zu sein, ist mir der Preis zu hoch. Ich hatte ja keine Ahnung...keine Ahnung wie sie alle sind...so verlogen...so abgrundtief verlogen!!! Sind denn alle Priester so, und ich sah es nur nicht? Ich sehe Noldanion, ich sehe Arimaijana, ich sehe sie alle und ich kann von keinem sagen, dass er sich auch nur von kleinster Weise von diesen allen abhebt - es ist eine Schande, Priesterin zu sein, ja so muss man es bezeichnen, nach dem, was ich jetzt weiß!!!", spricht Dayala jedoch mit mehr Verzweiflung als Wut in der Stimme. "Aber, was solls. Kein Wunder, das Mehdora mich aus dieser Gemeinschaft schickt, kein Wunder..." Sie lauscht Onas weiteren Worten und ihre Stimme wird sehr fest und entschlossen. "Demut - vor der Hohepriesterin?", fragt sie spöttisch und sie muss sich zusammenreißen, um nicht voll Abscheu auf die Straße zu spucken," Wie unvernünftig es auch ist, wie sehr es mein Leben auch verlängern würde, verschönern würde, NIEMALS mehr werde ich der Hohepriesterin demütig gegenüber stehen, genauso wenig wie Noldanion. Was können sie mir jetzt schon nehmen? Natürlich, ich könnte leben, aber das wäre kein Leben für mich. Das, was ich denke, herunterzuschlucken und eine freundliche Miene aufsetzen? Es tut mir leid, aber das kann ich nicht. Ich werde für das eintreten, wovon ich überzeugt bin." Ruhiger, aber immer noch entschlossen fährt sie fort:"Man hat mir das genommen, was mir damals am Meisten bedeutet hat:

Meine Aufgabe, meine Ehre Mehdora zu dienen. Es war alles, wofür ich gelebt habe. Sie haben mir es genommen. Ich habe wenig zu verlieren. Ich werde für meinen Glauben eintreten, wenn...wenn ich kriminell werden, ketzerisch anderen Göttern gegenüber...wenn...ach, es ist doch schon alles egal. Ich bin keine Priesterin mehr, ich kann mich benehmen, wie ich will!!!" Voll Entschlossenheit wirft sie die Schleife, die sie um den Hals trägt und sie als Mehdorapriesterin ausweist, in den Straßenschmutz, entledigt sich all der Dinge, die darauf schließen lassen könnten, dass Dayala Priesterin ist bzw. war. Nun steht sie da, in einem etwas zerschlissenen violetten Leinenkleid, denn auf Luxus hat Dayala noch nie Wert gelegt, mit einem einzigen, schlichten Silberring auf der Pfote und einem dünnen Silberband um den Knöchel. Sie sieht nun gar nicht mehr wie eine Priesterin aus und auch ihr Gebaren hat sich verändert. Es ist wenig von der Milde zu spüren, die sie damals ausstrahlte. Erschöpft lässt sich Dayala auf einen alten Stuhl, der nur noch 3 Beine hat und deshalb wohl auf die Straße gestellt wurde, nieder und lächelt erschöpft, anscheinend gehen ihr einige Gedanken durch den Kopf...

Ona blickt die Chirá angstvoll an:

"Klar finde ich es gut, wenn Ihr ab jetzt ehrlich wein wollt zu Euch selbst und Euch von allem entledigt, was doch nur Maskerade war. Und es ist wohl auch gut, wenn man sich von all diesen Heuchlern distanziert, statt eine Priesterin unter Priestern gleich einer Teccrahka unter Teccrahkas zu sein... Aber bitte - auch um unsertwillen! Achtet auf Euer Leben! Gerade hat Arimaijana eine Position vertreten, die im Grunde die Eure ist - besser gesagt:

war, als Ihr noch Priesterin gewesen seid. Setzt jetzt nicht durch agressive Offenheit leichtfertig Euer Leben aufs

Spiel, bitte. Vielleicht gibt es noch einen Weg, der Euch das Leben bewahrt, ohne daß Ihr Reue heucheln müßt!"

Dayja nimmt die ehemalige Priesterin in den Arm und blickt sie dann lange an. "Auch wenn Ihr keine Priesterin mehr seid, so seid Ihr dennoch eine weise Persönlichkeit, die auch noch andere Fähigkeiten hat, als eine Göttin anzubeten. Sorgt dafür, dass Ihr lebt, der Rest kommt von selbst. Und wenn Ihr erstmal bei mir wohnen würdet. Ich denke, Sharayala wird nichts dagegen haben. Und eine Arbeit finden wir auch, ich würde Euch auf jeden Fall sofort einstellen." Sie lächelt freudig und zieht Ona dazu. "Wir zeigen Euch schon, wie das Leben auch ohne Medorah lebenswert ist, nicht wahr, Ona?"

Ona zwinkert der Apothekerin fröhlich zu und strahlt über das ganze Gesicht.

"Verzeiht, ich war so wütend...", meint Dayala leise und erschöpft und lässt den Kopf hängen. "Ich werde Reue zeigen", knirscht sie hervor und meint gleich danach:"Ich werde schweigen und vielleicht werde ich versuchen...ein neues Leben...ich kann selbst wenn ich es irgendwie schaffen würde, als Priesterin wieder aufgenommen zu werden, ich kann das nicht. Ich will nie wieder Priesterin sein. Vielleicht kann ich etwas anderes machen, irgendwo arbeiten, neu anfangen. Ich weiß, ich muss jetzt sehr viel planen und geschickt vorgehen.

Irgendwann wird alles wieder aufhören und dann irgendwann kann ich beginnen, wieder für meine Ideae zu kämpfen. Jetzt, jetzt muss ich erstmal sehen wo ich bleibe. Wo soll ich schlafen, was soll ich essen, wo bekomme ich Geld? Ich kann doch nichts, ich bin in diese Kaste hineingeboren und ich habe seit ich ein Kind war nur gelernt, Priesterin zu sein. Ich muss mich um mein Leben kümmern und dann..." Dayala spricht den Satz bewusst nicht zu Ende, sie scheint

sehr trüb und kraftlos und brütet über einigen Ideen, die ihr offensichtlich im Kopf herum gehen. Nach einigen Minuten rafft sie sich zu einem steifen Lächeln auf und sieht Ona in die Augen:" Keine Sorge, was auch passiert, was für eine Dummheit ich auch mache, ich ziehe weder dich noch Dayja da mit hinein."

Sie legt den Kopf wieder in die Pfoten und murmelt so leise, dass fast nur sie selbst es hören kann:"Und auf mich pass ich auch auf..."

"Mehdora hat Euch mit der Gabe der Heilung gesegnet. Die werdet Ihr behalten, auch wenn man Euch aus ihrer Priesterschaft verstoßen hat. Und der Schatz an Kenntnissen über wohltuende Krätuer und Essenzen wird Euch auch nicht verloren gehen!

Auf diese Gaben werdet Ihr in Notzeiten immer zurückgreifen können...

Auch ich überlege, ob ich in dieser Stadt noch bleiben soll. Habt Ihr die Flugblätter auf dem Marktplatz gelesen? Hier macht sich ein seltsamer, bigotter Fanatismus des Neuen Kultes breit, der sich nicht nur gegen Euch, sondern auch gegen die yedeitischen Machthaber richtet." Ona schüttelt nachdenklich den Kopf.

Wieder im Gerichtssaal geschah folgendes:

Ona, die längere Zeit in unruhiger Gefühlslage mit einem neuen Zettel befaßt war, den sie erhalten hat, konzentriert sich schließlich doch noch auf den Delvanpriester und reagiert überraschend versonnen:

"Was würdet Ihr denn tun, wenn Ihr auf Eurem Weg zum Delvantempel einen verblutenden Menschen finden würdet? Ihm helfen und das vorgeschriebene Feueropfer versäumen oder lieber den Menschen über die Götter stellen?"

Arimaijana hat sich den Streit mit - für ihre Verhältnisse – ungewöhnlicher Ruhe angehört, doch nun erhebt sie sich und ruft aus: "Bei Mra-Aggar und allen Göttern: Keiner wird euch bestreiten, daß es wichtig ist, Gutes zu tun, sogar an den niederen Kreaturen - doch wie ungleich wichtiger ist der Dienst an den Göttern, die diesen Kreaturen überhaupt erst das Leben schenken, die Luft zum Atmen, die Wärme zum Leben, die Leidenschaft zum Lieben, die Kräuter zur Heilung. Kein Gott verlangt, den verblutenden liegenzulassen, du törichte!

Doch gerade das stellt doch die Götter weit über den Menschen und jede andere Kreatur! Und doch besteht Dayala immer noch darauf, die Menschen den Göttern gleichzustellen, die so viel erhabener sind! Ich frage mich, aus welchem Geist solche Gedanken entspringen können."

Sie sieht dich nun direkt an und fragt mit ernster Stimme: "Dayala, bereut ihr eure Worte, die die Menschen den Göttern gleichstellen? Widerruft ihr, was ihr damals und hier an diesem heiligen Ort gesagt habt?"

Ona hat sich zusammen mit Dayala erhoben. Doch bevor diese das Wort ergreift, kommt ihr die junge Menschenfrau zuvor.

"Entschuldigt, erhabene Hohepriesterin der Endrakha. Ihr sagtet: Kein Kein Gott verlangt, den Verblutenden liegenzulassen; selbst dann nicht, wenn man seinem Gott in der Zeit, da man dem Menschen hilft, opfern sollte?!

Somit sagt Ihr doch selbst, daß die Götter es erlauben, wenn man dem notleidenden Lebewesen über die Verehrung der Götter stellt. Und Ihr habt es ja auch selbst so gehalten, habt Eure Gebete im Endrakhatempel extra unterbrochen, um der verletzten Claddyn zu helfen!

Wenn die Götter dies alles gestatten - was wird dann unserer Mandantin eigentlich noch vorgeworfen?"

Arimaijana schüttelt zornig den Kopf: "Hier geht es nicht darum, Taten zu vergleichen! Eine Priesterin, der die Götter die Kunst der Heilung geschenkt hat, dient ihrer Göttin gerade dadurch, wenn sie von ihrer Fähigkeit Gebrauch mach. Ich diene Endrakha, wenn ich kämpfe, und wenn ich dies gut mache, dann diene ich ihr umso besser."

Sie blickt etwas skeptisch auf ihren Arm, der in einer Schlinge steckt. Dann fährt sie fort: "Dayala wird nicht vorgeworfen, daß sie einem Menschen geholfen hat, anstatt Mehdora ein Opfer darzubringen. Ihr wird vorgeworfen, daß sie den Wert eines Menschen mit dem Wert der erhabenen Götter gleichsetzt, ein Gedanke, der so ungeheuerlich ist, daß man ihn gar nicht fassen kann!"

Die Hohepriesterin richtet sich hoch auf und spricht mit deutlicher Betonung zum Volk: "Vor den Göttern sind wir alle - selbst die ehrwürdigen Priester - nichts, Staub und Asche! Ihnen verdanken wir unser Leben, und so ist es unsere Pflicht und Schuldigkeit, ihnen die größte Ehre zu erweisen! Ihr Wert steht unermeßlich hoch über jeder Kreatur, und so wollen wir die Götter preisen und verehren wie wir niemals eine Kreatur verehren können. Keiner, der mit Vernunft gesegnet ist, kann an dieser Wahrheit zweifeln."

Sie wendet sich wieder Dayala zu und zischt: "Bist du bereit, diese Wahrheit anzuerkennen und deine frevlerischen Gedanken zu widerrufen?"

Abermals kommt Ona mit dem Unterton der Verzweiflung der Antwort der Dayala zuvor: "Aber was soll sie denn nun eigentlich widerrufen? Dayala hat doch nie bestritten, daß die Götter erhabener sind als die Menschen, daß jene ewig und glanzvoll, diese jedoch sterblich und elend sind! Der hohe Wert der Menschen ergibt sich für sie gerade aus ihrer Bedürftigkeit. Weil es, wie Ihr so treffend sagtet, ihr göttlicher Auftrag gewesen ist, ist für sie das Niedrige und Elende - Kranke, Bedürftige, Mittellose – von höchstem Wert!

Ihr gebraucht die gleichen Worte und meint doch gänzlich verschiedenes!

Ich finde, es ist einfach unklug und kontraproduktiv, von der Angeklagten zu verlangen, sie solle etwas widerrufen, was sie so nie behauptet hat! Es verwirrt die Gemüter aller Zuhörer und verhärtet nur das Herz unserer Mandantin. Der Wahrheit wäre mehr gedient - so scheint mir wenigstens - wenn man unsere Mandantin fragen würde, ob sie das anerkennt, was Ihr gesagt habt: Daß wir alle vor den Göttern - selbst die ehrwürdigen Priester - nichts als Staub und Asche sind, und ihnen unser Leben verdanken; daß es darum unsere Pflicht und Schuldigkeit sei - jeder entsprechend seiner Aufgabe - ihnen die größte Ehre zu erweisen!

Arimaijana winkt ab und antwortet dir zornig:

"<<Doch ich sehe es, ja richtig, als Beleidigung Mehdora gegenüber an – wenn ihre Kinder nicht über oder wewenigstenes gleich zu einem anderen Gott stelle. Ich habe doch erwähnt, dass ich die Menschen eben gerade nicht über Mehdora gestellt habe, sondern über die anderen Götter. So ehre ich auch die Menschen, irhe Kinder, die alle Mehdora "sind" mehr als andere Götter>> Dies alles und mehr ketzerisches Gedankengut hat Dayala im Laufe des Prozesses von sich gegeben! Bei Mra-Aggar und allen Göttern, ein Widerruf ihrer Worte ist das wenigste, was wir von ihr erwarten können! Schließlich hat sie mit ihren Worten bereits manch gläubigen auf Abwege geführt."

Die Endrakha-Priesterin sieht dich dabei scharf an.

Dann blickt sie wieder hepriesterin in erstarrter Spannung schweigend mustert, hält Ona die geladene Athmosphäre anscheinend nicht mehr aus und ergreift erneut das Wort.

"Ich beginne langsam, den Hintersinn dieses Vorwurfs der Gotteslästerung zu verstehen. Ich bin mir nur nicht sicher, ob dann nicht alle Priester die Götter lästern.

Wir sind uns doch darin einig, daß alle Lebewesen Kinder der Mehdora sind, und daß sie dadurch - wenn auch gewiß nur sehr schwache - Verkörperungen der Göttin sind. Es ist so ähnlich wie mit Delvan und dem Feuer. Auch dieses ist

eine sehr unvollkommene, weil durch Chirà und Menschen beherrschbare Verkörperung des Delvan.

Wenn ich nun vergleiche, " fährt Ona mit einem Seitenblick auf den Ankläger fort, "wie intensiv sich Noldanion in Ausübung seines Amtes um die Feuerschalen kümmert, und wie selten - wenn überhaupt - er (beispielsweise) den Tempel

der Mehdora besucht hat, um sie zu ehren, dann stellt er doch die Verkörperungen seines Gottes ebenso über die anderen Götter, wie Dayala es getan hat.

Ist er dann nicht auch ein Lästerer? Oder ist er nur darum kein Läster, weil er zwar das gleiche tut wie Dayala, aber nicht darüber spricht?"

zu Dayala und sagt auffordernd: "Also?"

"Tut mir leid...", meint Dayala leise zu ihren Freundinnen, als die Hohepriesterin wütend eine Entscheidung fordert. Dann wendet sie sich mit starker Stimme, ein Blick auf Noldanion, ein Blick auf die Leute im Saal, an Arimaijana:" Wie oft ihr meine Worte doch anzweifeln möchtet, ich werde sie nicht zurücknehmen. Das ist alles, was ich dazu sagen kann. Nun könnt ihr das Urteil verkünden, wenn es euch beliebt."

Dayala spricht so ruhig wie ein Kind im Unterricht, welches die Antwort weiß, sie scheint keine Angst zu haben, nur müde und erschöpft vom ganzen Prozess. Ihr dunkles Fell glänzt im Sonnenlicht, schön und stolz steht sie, ohne

Anstalten zu machen, sich nur ein wenig zu bewegen, auf ihrer Matte. Der Saal hält den Atem an, während die junge Chirá auf ihr Urteil wartet...

Dayala sieht zu Ona und ihre starren, glanzlosen Augen spiegeln ein Lächeln wieder, welches fast künstlich auf ihren Lippen ruht. Obwohl sie selbstsicher wirken will und dies auch tut, kann man in ihren Blick Verzweiflung und deutlich geschrieben die Frage:"Warum?" erkennen. Warum das alles nur? Wegen ein paar belangloser Worte. Das scheint sich Dayala gerade zu denken. Weil die Einflußreichen taub sind und die, die Unglück vermeiden könnten, grausam und

auf das eigene Wohl bedacht. Weil niemand hören will. Doch ihr Blick hat jeden Hass, jede Wut verloren, nur die schiere Verzweiflung steht für den, der in den Gesichtszügen richtig zu lesen vermag, in ihr Gesicht geschrieben, mit ein wenig teilnamslosigkeit. Wie immer das Urteil auch fallen wird, ihre Seele hat Narben,weil ihr erst jetzt bewusst geworden ist, wie das alles wirklich ist. Hat das einen Sinn gehabt, dass ich es nun weiß?; formen ihre Lippen, aber es kommt kein Ton hinaus und eine Sekunde, die wie eine Ewigkeit erscheint, ruht ihr Blick fast flehend auf Noldanion, doch wenn er ihn richtig deutet, fragt sie ihn:" Warum hast du mir das angetan?" Aufrecht, scheinbar stolz sthet Dayala da und niemand, niemand außer ihre Freunde, niemand im Saal, weiß, was in ihr vorgeht.

"Mir tut es auch leid. Es ist alles so absurd und heuchlerisch und so sinnlos!" murmelt Ona und blickt mit leeren Augen zu Dayala.

Das Urteil

"Jawohl, es wird Zeit, zu einer Urteilsfindung zu kommen", bestätigt Arimaijana.

Auf einen Wink von ihr treten die sechs rotgewandeten Priesterinnen wieder vor die Feuerbecken. Man kann nicht genau erkennen, ob sie nur einigen beschwörende Formeln murmeln oder auch mit ihren Händen etwas tun, jedenfalls lodern nach wenigen Augenblicken vathohe Stichflammen aus den beiden Becken.

Die Sprecherin tritt vor jeden der drei Richter und verkündet: "Arivara hat uns durch ihr Feuer kundgetan, daß sie anwesend ist. Sprecht nun euer Urteil!"

Stille herrscht im Saal, selbst die sonst so unruhig zappelnden Unuim halten inne, und die Augen aller sind erwartungsvoll auf Arimaijana gerichtet.

"Wir alle haben gehört, wie sehr Dayala an ihren ketzerischen Gedanken hängt, ja sogar versucht, sie mit irgendeiner mir unverständlichen Logik zu erklären", doziert Arimaijana. "In den Zeiten unserer Mütter hätte es dafür nur die

Todesstrafe geben können, doch leben wir in einem aufgeklärten Zeitalter und in einer klugen Gesellschaft. Jedes denkende Wesen erkennt den Irrsinn, der hinter Dayalas wirren Gedankengängen steckt."

Die Hohepriesterin richtet sich zu ihrer vollen Größe auf und verkündet mit lauter Stimme:

"Und so lautet nun das Urteil: Da Dayala offensichtlich dem Wahnsinn verfallen ist, soll ihr das Brandmal der Irren eingebrannt werden. Die Priesterschaft der Mehdora mag zusehen, ob sie den Irrsinn heilen kann, der in ihr wohnt, um ihre Seele zu retten. Unsere Schwester, die Hohepriesterin der Mehdora, wird von mir umfassend informiert, so daß sie geeignete Schritte ergreifen kann, um Dayala zukünftig vor öffentlichen Äußerungen als Priesterin zu bewahren.

Die Vollstreckung des Urteils erfolgt öffentlich auf dem Marktplatz, so daß jeder erkennen möge, welch irrer Geist von Dayala Besitz ergriffen hat, und jeder Gläubige sich von ihr fernhalte."



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